VfLog-Interview mit Thomas BroichEs gibt viele Klischees über Thomas Broich: Der Ballkünstler, der Mozart, der denkende Fußballspieler. Lange hat sein ästhetisches, kreatives Fußballspiel die Herzen aller Borussiafans höher schlagen lassen, bevor ihn eine Verletzung aus der Bahn geworfen hat. Seit seiner Rückkehr verbindet ihn mit dem VfL eine wechselhafte Beziehung: Seine Position wurde immer wieder in Frage gestellt, vor einigen Monaten stand ein Abschied nach Mainz oder zu 1860 in der Diskussion. Doch zuletzt spielte er unter Horst Köppel wieder regelmäßig in der ersten Mannschaft, mit wachsendem Selbstbewusstsein und deutlich nach oben zeigender Formkurve. Wir sprachen mit ihm vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart über seine bisherige Zeit am Niederrhein, die Diskussionen um seine Person, seine Fußballphilosophie, sein Medienimage, seine Liebe zu Literatur und Musik. Im ersten Teil des Gesprächs, den wir heute veröffentlichen, geht es um eine Einschätzung der auch schon damals sehr ambivalent bewerteten aktuellen sportlichen Lage.
(Teil 2 | Teil 3 | Teil 4)Thomas, vorab eine klärende Frage die hier am Niederrhein notwendig ist: Spricht sich Dein Nachname eigentlich „Brooch“ wie in „Grevenbroich“, also mit Dehnungs-‚I’ aus, oder „Breuch“ wie in „toi, toi, toi“?
(lacht) Wie in toi, toi, toi.
Alles klar. Kommen wir erstmal zur sportlichen Situation der Borussia. Wenn wir Dich vor der Saison gefragt hätten, wo Gladbach Mitte März 2006 in der Tabelle stehen wird, was hättest Du dann geantwortet?
Ich hätte vielleicht ganz optimistisch gesagt, dass wir auf einem einstelligen Tabellenplatz stehen werden und damit ganz hoffnungsvoll Platz neun gemeint. Das war immer das Maß aller Dinge. Und dass wir jetzt noch besser stehen, sogar die Möglichkeit haben, richtig weit oben zu landen, das ist zugleich unerwartet und großartig!
Aber die Stimmung unter den Fans ist nicht wirklich großartig. Bin ich als Fan nicht mehr ganz normal, wenn ich trotz Platz sieben unzufrieden bin? Mich enttäuscht das schon. Ich hätte immer gedacht, dass sich das toll anfühlen wird, wie im siebten Himmel, wenn wir in Gladbach mal wieder im oberen Tabellendrittel stehen. Auch wenn wir nicht immer schön spielen: Immerhin gewinnen wir trotzdem Spiele, und dass die Fans in so einer insgesamt positiven Situation wirklich permanent ihren Unmut äußern, das ist für mich als Spieler schade.
Wir haben auf dem Blog mal etwas ironisch geschrieben, dass die Postmoderne gerade Borussia heimsucht: Wir erleben also das Ende der großen Erzählungen, es gibt nicht mehr den „schönen“ Abstiegskampf, der alles, auch dem Leid, einen Rahmen gibt. Stattdessen läuft es mal ein Wochenende klasse, dann wieder schlecht, dann wieder ok und es ist kein roter Faden zu erkennen. Hast Du eine Erklärung dafür, dass die Schwankungen so groß sind?
Wir haben eine große Diskrepanz zwischen Auswärts- und Heimspielen, das ist das Hauptproblem. Wenn wir auswärts ein bisschen erfolgreicher spielen würden, dann könnten wir einen großen Schritt nach vorne machen. Leider kriegen wir das noch nicht so hin, und das führt zu diesem Gefühlschaos: Eine Woche hui, meistens zuhause, dann wieder pfui. Aber nichtsdestotrotz stehen wir gerade ziemlich gut da und haben dadurch an jedem Spieltag wieder die Chance, unsere Ausgangsposition zu verbessern. Wir spielen ja keine schlechte Saison, und ich hoffe, dass auch die Fans noch mehr Optimismus und auch Euphorie entwickeln.
Von den Namen hat Gladbach inzwischen eine richtig gute Mannschaft zusammen, aber habt Ihr Euch auch schon als Mannschaft zusammengefunden oder braucht das nach all den Transfers noch mehr Zeit?
Ich denke, dass wir unser Potential bei weitem noch nicht ausgereizt haben. Wir haben mittlerweile viele richtig gute Fußballer in unseren Reihen, die technisch und taktisch noch einiges zu bieten haben. Wir spielen manchmal leider noch arg unter Wert.
Ich will jetzt hier gar nicht die Trainerfrage ansprechen, die ja auch die Fans spaltet; wir haben auf dem VfLog unsere eigene Meinung dazu. Aber Du hast inzwischen jede Menge Trainer in Gladbach erlebt. Gibt es einen, der Dich besonders beeindruckt oder beeinflusst hat?
Für mich war gerade am Anfang schon Holger Fach, zusammen mit Christian Hochstätter, wichtig. Die beiden haben mich total unterstützt, und ich finde, dass wir zu der Zeit auch mit den attraktivsten Fußball gespielt haben, wenn auch mit wenig zählbarem Erfolg.
Du hast Dich in Interviews auch immer wieder als Bayern-Fan geoutet. Was bedeutet Dir der Verein?
Ich bin heute kein Fan in diesem Sinne. Aber ich war es als kleiner Junge, war mit dem Trikot im Stadion, und ich sympathisiere heute noch mit Bayern, gerade in der Champions-League. Ich fände es auch ziemlich blöd, wenn ich als gebürtiger Münchner hierhin gekommen wäre, und meine ganzen Wurzeln und Affinitäten geleugnet hätte. Soll ich die Leute anlügen?
Zugleich gehörst Du bei Borussia inzwischen zu den Dienstältesten und zählst damit, gerade nach dem radikalen Veränderungen der letzten Zeit, zu den Spielern, die Gladbach ausmachen. Hast Du selbst auch einen Bezug zu dem viel zitierten „Mythos Borussia“?
Am Bökelberg hat man den Mythos ganz stark gespürt, in der Identifikation durch das alte Stadion, den Abstiegskampf, das war eine besondere Welt, die hat diese Tradition auch geatmet. Ich kann mir vorstellen, dass es auch für die Fans heute schwieriger ist sich zu identifizieren, nachdem so viele Köpfe, Spieler, Trainer, Manager gekommen und gegangen sind. Aber wir haben das Glück, dass mit Marcell Jansen und Eugen Polanski zwei dazugekommen sind, die wirklich für Gladbach stehen.
Für mich persönlich war es auch schwierig, weil meine Position im Verein immer wieder in Frage gestellt war. Zwischendurch hatte ich gar keine Perspektive mehr, aber es läuft ja jetzt wieder ganz gut. Jetzt muss sich wieder Konstanz entwickeln, ein Gesicht der Mannschaft bilden, dann kann auch das Wechselspiel Spieler-Verein noch intensiver werden.
Lesen Sie am Montag im zweiten Teil, was Thomas unter "linkem Fußball" versteht, welche Fußballphilosophie er mit dem legendären Luis Cesar Menotti teilt und warum er nicht nur La Paloma spielen möchte.
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