Montag, 3. April 2006

"ich kann nicht nur rausgehen und la paloma spielen"

Der zweite Teil des VfLog-Interviews mit Thomas Broich. (Teil 1 | Teil 3 | Teil 4)

Kommen wir mal zu Dir als Person. Du hast eine eigene Homepage, ein sehr ausgeprägtes Medienimage, gibst auch relativ oft Interviews. Würdest Du Dich selbst als „Star“ bezeichnen?

Nein, als Star nicht. Dafür war auch die Leistung in den letzten Monaten nicht gut genug. Ich ziehe eine gewisse Aufmerksamkeit auf mich, durch meine für einen Fußballer vielleicht etwas ungewöhnliche Art zu leben. Aber mein Ideal wäre es, über all diese Dinge vor dem Hintergrund einer konstant guten sportlichen Leistung zu reden. Und ich denke, ich bin wieder auf einem guten Weg dahin.

Dein Image, das lange eher „weich“ war, Stichwort „Mozart“, Künstler usw., hat in letzter Zeit eine neue, härtere Seite durch Interviews bekommen, in denen Du auch sehr selbstbewusst Deine sportliche Position vertreten und eingefordert hast. Das wirkt manchmal wie ein Konflikt…

Das ist der in dieser Branche entstehende Konflikt. Diese offensive Seite, die Forderungen stellt, das bin ich nicht wirklich. Aber ich habe immer mehr den Eindruck, dass man sein Terrain abstecken muss, sonst kommt man nicht weit. Es gibt nicht per se Dankbarkeit oder Geduld mit einem Spieler. Nach meiner Verletzung gab es ja immer wieder Debatten um meine Position und Neuverpflichtungen. Das war für mich sehr schwierig, ich wollte ja alles für diesen Verein geben. Irgendwann habe ich mir gedacht, ich bin einfach zu lieb. Jetzt stehe ich wesentlich resoluter und bestimmter für meine Interessen und Ziele ein, auch wenn ich mich selbst dabei manchmal als unsympathisch empfinde.

Hast Du denn den Eindruck, dass Dein gesteigertes Selbstbewusstsein mit dazu geführt hat, dass Du jetzt wieder eine wichtigere Rolle spielst.

Das war ja nichtmal Selbstbewusstsein, schon eher Fatalismus. Ich wollte einfach nicht sang- und klanglos aufgeben, weil ich schon der Überzeugung bin, dass ich gut genug bin, in Gladbach erfolgreich und auch schön spielen zu können. Ich möchte hier gerne eine Art Fußball präsentieren, nach dem sich viele Fans ja auch sehnen. Und dafür habe ich Vertrauen eingefordert.

Du sprichst Deine Spielweise an. Bei der TORWORT-Lesung in der gladbach**-Sportsbar hast Du einen Text von Luis Cesar Menotti über „linken“ und „rechten“ Fußball vorgetragen, wobei klar war, dass Du für den linken Fußball schwärmst. Was sind für dich die entscheidenden Aspekte davon?

Der linke Fußball ist für mich zugleich intelligent und kreativ. Er ist inspirierend und voll Leichtigkeit, fast eine Kunstform. Der rechte Fußball ist Kampf, ist Arbeit und eher destruktiv. Ich habe mich, wie ja auch Millionen Fußballfans, ganz klar dem linken Fußball verschrieben, und es wundert mich, dass wir in der Bundesliga fast nur rechten Fußball zu sehen bekommen. Vielleicht ist hier Werder Bremen noch die Ausnahme, aber ansonsten wird bei uns Fußball vor allem gearbeitet. Zugunsten von Athletik und Zweikampfstärke wird dabei wahnsinnig viel geopfert.

Können unsere Spieler nicht anders, oder woher kommt diese Festlegung auf den rechten Fußball?

Sicher gibt es Spieler, die nicht prädestiniert für linken Fußball sind, und vielleicht spielen manche von denen auch genau darum in der Bundesliga. Aber andererseits gibt es doch auch in jedem schlummernde Möglichkeiten, und es sind oft Dritte, ob Umfeld, Medien, Trainer, vielleicht auch Mannschaftskollegen, die den linken Fußball in bestimmten Situationen nicht sehen wollen. Für jemanden, der auf linken Fußball brennt, kann das zu einem echten Konflikt werden. Das Ergebnis sind Spiele wie gegen Köln: Man gewinnt, aber es macht eigentlich keinen Spaß. Nur, die Punkte zählen eben mehr, als schön zu spielen. Ich persönlich würde aber ganz anders Fußballspielen, wenn ich so dürfte, wie ich wollte.

Nimmst Du Dir manchmal auf dem Platz was raus, oder achtest Du immer auf das vorgegebene System?

Wenn man führt, kann man schon mehr riskieren. Aber bis dahin ist es fast unmöglich. Wenn es klappt, applaudieren die Leute, aber wenn Du ein Spiel verlierst, in dem Du mal versucht hast, kreativ zu sein, dann heißt es sofort „Schönspieler“, das ist fast schon schizophren: Die Menschen sehnen sich nach schönem Fußball, wenn der aber nicht mit Erfolg gepaart ist, hauen sie ihn Dir um die Ohren.

Hans Meyer hat bei der Lesung auch gefordert, die Fans sollten nicht „Wir wollen Euch kämpfen sehen“ skandieren, sondern „Wir wollen Euch spielen sehen“. Darauf entgegnete ein Zuhörer, im Leben komme stets die Pflicht vor der Kür…

Das ist auch nicht ganz falsch. Ich kann natürlich nicht nur rausgehen und La Paloma spielen. Eine gewisse Arbeitsmoral gehört auch zum Zaubern dazu. Aber es ist eben auch eine Frage der Lebenseinstellung, der Erwartungen ans Leben: Denke ich wirklich, dass ich in erster Linie fleißig sein, meine Aufgaben erfüllen muss, oder begreife ich das Leben als Möglichkeit zur Kunst? Letzteres wäre mir viel lieber.

Menotti hat in seinem Text politische Kategorien metaphorisch auf den Fußball übertragen. Hat Fußball für Dich auch ganz unmetaphorisch eine politische Dimension?

Eigentlich nicht. Durch Fußball kann man vielleicht eine Mentalität ausdrücken, aber man kann sich nicht wirklich politisch äußern.

Hast Du in Zeiten von Hartz IV in der Nordkurve schon mal Bauchschmerzen beim Blick auf die VIP-Tribüne bekommen?

Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, noch nie Gedanken gemacht.

Auf Deiner Homepage hast Du mal einen Artikel geschrieben, der aufzeigen wollte, dass das Fußballerleben nicht nur rosarot ist und man auch mit weniger Geld glücklich sein kann. Dafür gab es u. a. in einem SPIEGEL-Interview deutliche Kritik…

…das hat mich auch enttäuscht, dass die Leute da nicht verstanden haben, was ich eigentlich ausdrücken wollte. Es ging ja nicht darum, was wir für ein tolles Leben führen, wie beliebt oder berühmt wir sind. Es ging um ein paar Schattenseiten, die nichts mit dem Materiellen zu tun haben. Natürlich schätze ich mich glücklich, dass ich keine finanzielle Sorgen haben muss. Aber ich habe genug Freunde in meinem Umfeld, die ganz normale Leute sind und wegen ganz anderer Dinge glücklich sind: Weil sie jeden Morgen eine Familie am Frühstückstisch haben, weil sie sich auch mal drei, vier Tage am Stück frei nehmen können... Als Fußballer geht so etwas nicht, weil man komplett eingespannt ist. Nur darauf wollte ich hinweisen, nicht um zu jammern, sondern um Neid abzubauen und diese Verklärung von Fußballprofis in Frage zu stellen. Ich glaube einfach nicht, dass allein die finanzielle Seite entscheidet, wie glücklich man wird.

Am Mittwoch lesen Sie, wie Thomas Broich zu seinem Image als "denkender Fußballer" steht und warum er gerne Teil des Verblendungszusammenhangs ist, den er kritisiert.

Kommentare:

Ralf G. hat gesagt…

Klasse Interview! Kompliment!

Anonym hat gesagt…

Wow, dem kann ich mich nur anschließen. Ihr habt ihm da schon ein paar bemerkenswerte Äußerungen entlockt. Bleibt zu hoffen, dass das ganze hier noch ausreichend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, dass er es nicht anderswo um die Ohren gehauen kriegt.

Jan

Anonym hat gesagt…

Offenes Interview! Prima! Habe aber noch nie so einen Blödsinn von 'linken' oder 'rechten' Fußball gehört!

Thomas

Sebastian hat gesagt…

Martin: "Hast Du in Zeiten von Hartz IV in der Nordkurve schon mal Bauchschmerzen beim Blick auf die VIP-Tribüne bekommen?"

TB: "Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, noch nie Gedanken gemacht."

Noch Fragen?

thomas hat gesagt…

Sebastian said...

Martin: "Hast Du in Zeiten von Hartz IV in der Nordkurve schon mal Bauchschmerzen beim Blick auf die VIP-Tribüne bekommen?"

TB: "Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, noch nie Gedanken gemacht."

Noch Fragen?



wer hat sich denn darüber schonmal ernsthaft gedanken gemacht? ich jedenfalls (auch) nicht.

bremer hat gesagt…

... ich auch nicht...aber ich mache mir Gedanken über das Interview mit Thomas Broich und seine Aussagen über den richtigen (linken) Fussball...
ich denke, seine Vorstellungen klingen schon gut, aber es ist ja an ihm, so stark zu sein, dass er den kreativen Fussball nicht nur verbal, sondern auch auf dem Platz durchsetzt und damit mehr Erfolg erspielt als mit dem angefeindeten Holzfällerfussball der Bundesliga...
wenn er das schafft, dann wird man ihm und seiner Philosophie auch zuhören und ihm "kreative Fehler" verzeihen...

Anonym hat gesagt…

Man sollte jetzt aber nicht den Eindruck erwecken, der "linke Fußball" wäre auf seinem Mist gewachsen. Das stammt alles von Cesar Luis Menotti. Dass sogar die meisten Deutschen den so genannten linken Fußball bevorzugen würden, ist wohl auch klar. Für linken Fußball brauchts aber auch ein paar Mitspieler, die da mitmachen können. Fragt mal den Poldi...

Jan