Sonntag, 6. Mai 2007

vergeudet

Nein, keine Angst: Ich werde nicht behaupten, der VfL hätte heute irgend etwas vergeudet. Dafür spielte das Team 90 Minuten lang zu unambitioniert. Vergeudet hat der NDR 45 Minuten Sendezeit, die mit jeder noch so tristen „Die Lüneburger Heide blüht“-Dokumentation unterhaltsamer gefüllt gewesen wären als mit einem erbärmlichen Regionalligaspiel; 18.200 Zuschauer haben einen schönen, sonnigen Mainachmittag vergeudet, obgleich ca. 3.000 St. Pauli-Fans immerhin gleichmütig genug waren, sich über einen Punkt im Aufstiegsrennen freuen zu können; und ich vergeude noch jetzt eine laue Frühlingsnacht, um all den Verdruss nicht mal notdürftig zu kaschieren und nachzuzeichnen.

Seit längerer Zeit mal wieder kann ich mich über einen Stadionbesuch in Osnabrück richtig ärgern. Enttäuscht war man hier und da oder man haderte, aber nie wirklich ärgerlich. Gestern war das anders. Nicht das Ergebnis ist es, das zornig macht – ein Unentschieden gegen St. Pauli, dabei bleibt es, würde unter recht wahrscheinlichen Umständen zum Aufstieg reichen, wenn der VfL denn überzeugend spielte und es schaffte, auf der Begeisterungswelle des Publikums mit zu surfen. Die Art und Weise, wie der Punkt jedoch zustande kam, lässt mich erstmals seit langem mehr als nur zweifeln, ob der Aufstieg klappen kann.

Die Kulisse war zweitligareif, die wunderbaren Transparente und Plakate vor Anpfiff in der Ostkurve waren es – allein beide Mannschaften waren es nicht. Bei allem Ärger über Lila-Weiß: St. Pauli war keinen Deut besser. Zwar mussten die Hamburger in der zweiten Hälfte über weite Strecken mit zehn Mann auskommen, nachdem Florian Lechner Rot gesehen hatte, doch vorher spielte St. Pauli genauso schlecht wie Osnabrück. Im Verlauf des gesamten Spiel gab es auf beiden Seiten keine einzige Torchance, von der man sagen würde: „Den muss er rein machen!“ Es gab keine einzige Torchance von der Sorte „Den kann man mal rein machen!“ Und es gab vielleicht insgesamt drei Chancen, „die mit etwas Glück mal rein gehen können“. Unter Umständen – die angesichts des Restprogramms jedoch durchaus glückliche sein müssten – reichen derlei Fertigkeiten für den FC St. Pauli, um im nächsten Jahr in der 2. Bundesliga zu spielen; der VfL ist dafür derzeit zu schlecht.

Ob die ungeheuerliche Zahl an haarsträubenden Fehlpässen als Indikator dienen will oder das schiere Unvermögen, eine gefährliche Flanke vor das Tor zu schlagen, ob einen das nicht vorhandene Aufbauspiel verzweifeln lässt oder eine Vielzahl an bemerkenswert halbhohen Spannstößen, die als Pass gedacht waren; ob man über Dominique Ndjeng den Kopf schüttelt oder über Daniel Cartus - überall trat heute unübersehbar zu Tage, dass diese Mannschaft in ihrer derzeitigen Form den Aufstieg verpassen wird, und das verdient.

Bleibt die leidige Frage nach dem Warum, denn der VfL hat in dieser Saison ja mehrfach bewiesen, dass er es besser kann, mehr noch: dass er richtig toll Fußball spielen kann. Pele Wollitz verzweifelt am Spielfeldrand zusehends, genauso der weitgehend zur Beteiligungslosigkeit verdammte Frederik Gößling im Tor. Doch die Frage „Was jetzt tun?“ ist nicht beantwortbar. Oder anders: Die Antwort „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ war selten richtiger als im Moment. Dort liegt sie, und wenn man den VfLern so beim Spielen zusieht, denkt man, dass sie dort noch eine ganze Weile liegen bleiben wird, ohne dass sie jemand fände.

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